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Hasskommentare: Trolle muss man doch füttern

Lesezeit: 6 Min.

Beinahe täglich ärgere ich mich über Hasskommentare im Internet. Ich stehe dem Fatalismus der Wutbürger fassungs- und hilflos gegenüber und komme zu dem Schluss: Die demokratische Kultur liegt im Sterben. Nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt. Social Media ist schuld daran. Genauer, seine Nutzer. Die Linken ebenso wie die Rechten. Trage ich etwa Mitschuld am Erstarken des Faschismus in Europa? 

Vor einigen Tagen ploppte ein Post in meiner Facebook-Timeline auf. Eine meiner Autorenkolleginnen zitierte darin mit großer Skepsis eine AfD-Wählerin, die behauptete, als Mitarbeiterin der Ausländerbehörde (sic!) höchstpersönlich auf Befehl „von Oben“ Kriminalitäts-Statistiken gefälscht zu haben. Die Reaktionen auf diesen Post waren so, wie man sie sich vorstellt. Binnen kürzester Zeit meldeten sich zahlreiche AfD-Sympathisanten mit zum Teil übelsten Drohungen und Beschimpfungen gegen meine Kollegin. Sie sei eine Verräterin, eine Denunziantin und „antidemokratisch“. Keinem schien außerdem aufzufallen, dass für Kriminalitätsstatistiken nicht die Ausländerbehörde, sondern die Polizei zuständig ist. Auf Bitten der zitierten Person entfernte meine Freundin den Namen, ließ den Post jedoch online.
Dann kamen gemäßigte Gegenstimmen zu Wort, welche zum Teil die AfDler zur Ordnung riefen und zur Menschlichkeit ermahnten – größtenteils aber im selben Tonfall zurück stänkerten. Hier eine Beleidigung, da eine haltlose Verallgemeinerung – nicht nur von Rechten, sondern mindestens ebenso von Linken. Der Thread explodierte innerhalb von Stunden und blockierte die Timeline vieler Kontakte der Ursprungs-Posterin, so auch meine.

Kurz, es war die Art von Shitstorm, aus dem man sich, wenn man um seine Nerven besorgt ist, besser heraus hält. Einer von denen, die in der Regel damit enden, dass gelöscht, gegenseitig blockiert und gemeldet wird. Grundsatz steht gegen Grundsatz, Standpunkt steht unvereinbar gegen Standpunkt – es ist die vollkommene Dysfunktionalität sozialen Miteinanders. Eine virtuelle, verbale Massenschlägerei, in der alle Beteiligten zu Großmäulern mutieren und austeilen, nachkeilen und mit gefälligen Etiketten um sich schmeißen – der Gesprächsgegner ist „böse“, der „Feind“, ist dumm oder verrückt.
Ich verstehe das. Es ist sehr bequem, einem Gegner den gesunden Menschenverstand abzusprechen. Wer dumm oder verrückt ist, mit dessen Standpunkt muss man sich nicht auseinandersetzen. Lieber blockiert man ihn, dann hat man seine Ruhe. Stimmt’s?

Nein!

Auch mein erster Impuls war es, den Post wegzuklicken und mich angenehmeren Dingen zu widmen als mit Leuten zu diskutieren, die ihre Meinung meinetwegen nicht ändern werden. Aber vor kurzem las ich einen Artikel des Journalisten Martin Weigert von t3n, in dem er forderte, dass jeder einmal am Tag einem Troll widersprechen soll. Seit einiger Zeit tue ich das sehr konsequent. Nicht, um andere zu überzeugen, das ist bei den meisten ohnehin vergebliche Liebesmüh. Sondern weil bei niemandem in einer Demokratie der Eindruck entstehen darf, er hätte einen moralischen Anspruch auf „die Wahrheit“, oder gar die Meinungshoheit. Man muss seinem Kontrahenten klar machen, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland für jeden gilt, und dass jeder das Recht hat, seinen Standpunkt öffentlich zu postulieren (sofern man dadurch nicht gegen geltende Gesetze verstößt) – dass das aber nicht umgekehrt bedeutet, dass mir niemand Widerworte geben darf.

Viel wichtiger aber ist, dass man sich selbst nicht den objektiven Blick auf das breite Meinungsspektrum verbaut. Filterblasen sind gefährlich und vermutlich die größte Bedrohung unserer freiheitlichen Grundordnung, seit Bestehen der westlichen Demokratie. Die Rechten sind nicht deshalb so erfolgreich, weil sie dem Pöbel nach dem Mund reden. Sie haben Erfolg, weil die Gegenseite ihnen kampflos das Feld überlässt.
Wer andere blockiert, tut nämlich genau das. Bald ist man nur noch von Menschen umgeben, die genau so denken wie man selbst und glaubt als nächstes, dass man in der Mehrheit sei und – schlimmer noch – der moralische Sieger. Man hört dies oft über Wutbürger und Rechte, die sich in ihren Blasen gegenseitig bestätigen und kein anderes Weltbild an sich heran lassen. Doch auf linker Seite gilt das ebenso.

In einem anderen Artikel, dessen Quelle mir leider entfallen ist, wurde kürzlich der altchinesische Philosoph und Schlachtenlenker Sunzi zitiert: „Wer sich selbst kennt, aber seinen Gegner nicht, verliert die Schlacht.“ Das ist wahr. Doch um seinen Gegner zu kennen, muss man ihm zuerst einmal zuhören. Ein politisches Lager, dessen Protagonisten ich komplett aus meinem Wahrnehmungshorizont verbannt habe, kann ich nicht verstehen. Ich weiß nicht, wie es tickt, wie es denkt und funktioniert. Also kann ich auch nicht widersprechen und keinen Widerstand leisten. Und dann wacht der Linkswähler eines Tages auf und wundert sich über 20 % bei der AfD: Wie kann das sein? Wo kommen die her? Was geschieht mit dieser Welt?

Zurück zu dem AfD-kritischen Kommentar meiner Kollegin. Ich wollte es wissen. Herausfinden, wie das andere Lager tickt. Wie sieht ein fanatisierter AfD-Wähler die Welt, und kann ich vielleicht einen gemeinsamen Nenner finden? Ich pickte mir einen Kandidaten heraus, der mit besonders kruden Thesen aufwartete, und konfrontierte ihn. Es stellte sich heraus, dass es schon beinahe unmöglich war, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zu ziehen. Innerhalb von vier Minuten wurde ich mehrfach als Gutmensch, Linksterrorist, Vergewaltiger, Antideutscher, Diskursverweigerer und Verräter beschimpft, bevor mir, je nach Auslegung, mehr oder minder unverhohlen mit Mord gedroht wurde – und alles als Antwort auf meine Bitte, mir seine Standpunkte und die Hintergründe seiner Kampfparolen zu erläutern und anhand von Fakten zu untermauern. Im Wechsel dazu wurde ich mit wahllos aus dem Internet zusammengeklaubten Links bombardiert, die von mal mehr und mal weniger großem Aussagewert waren. Meine Bitten um Mäßigung und meine fortwährendes Angebot, unaufgeregt und sachlich zu diskutieren, wurden gänzlich ignoriert.

Hasskommentare: Einblick in den Verstand eines Rechten.

Einblick in den Verstand eines Rechten. Es geht mir nicht darum, jemanden anzuschwärzen, weswegen ich den Namen unkenntlich gemacht habe. Da es sich allerdings auf Facebook um eine weltweite, frei zugängliche Veröffentlichung handelt und jeder, der dort eigenverantwortlich postet, sich dessen hoffentlich bewusst ist, habe ich kein schlechtes Gewissen, das an dieser Stelle unzensiert zu teilen.

Doch mein Ehrgeiz war gepackt. Es ging mir ja nicht darum, den Mann bloßzustellen oder zu widerlegen – ich wollte nur verstehen, was in seinem Kopf vorging, was ihn so gemacht hat. Also ließ ich nicht locker und drang weiter auf ihn ein. Es dauerte anderthalb Tage, bis ich „meinen“ Rechten so weit hatte, sich mit mir auf ein tatsächliches Gespräch einzulassen. Immer noch nicht so sehr auf Augenhöhe, wie ich es mir gewünscht hätte, sondern weiter herablassend und konfrontativ, aber doch zunehmend offener. Dabei erlangte ich einen Einblick in die Denkwelt eines Menschen, die von der meinen so weit entfernt ist wie die Erde von Alpha Zentauri. Eines Menschen, der Muslime für die Unterdrückung der Frauen hasst und im selben Moment behauptet, arbeitende Frauen seinen „antinational“. Der voll Empörung Links über Bluttaten und sexuelle Übergriffe durch Muslime teilt und gleichzeitig fordert, Flüchtlinge zu ermorden und Muslima zu vergewaltigen. Der von Wut auf alles Ausländische geprägt ist und trotzdem kein Problem damit hat, sein Profil mit Manga-Bildchen zuzupflastern. In einem Atemzug den Holocaust leugnet und sich, man höre und staune, im nächsten als vielleicht, viellicht aber auch nicht jüdischen Konvertiten bezeichnet. Die Widersprüche im eigenen Handeln und denken waren ihm in keiner Weise bewusst, und auf entsprechende Hinweise reagierte er reflexhaft mit Wir-gegen-Euch-Schwarzweißmalerei. Ein Musterbeispiel von Realitätsleugnung und perfekter Indoktrination durch rechte Vordenker.

Hasskommentar auf Facebook.

Ein Auszug aus meinem langen Diskurs mit einem Angehörigen des Rechten Lagers (inzwischen vom Urheber gelöscht). Jeder bilde sich sein Urteil selbst. Und so jemandem wollt ihr das Feld überlassen? Schämt euch, Linke!

Und bei allem dämmerte mir die verstörende Erkenntnis: Das ist kein dummer Mensch. Ignorant, ja, überheblich und radikalisiert, auch das. Aber nicht blöd. Seine Probleme sind real, seine Sorgen menschlich (ich will nicht sagen „kreatürlich“, obwohl es das vermutlich eher trifft) und seine Ängste genau so diffus und furchteinflößend wie die meinen. Auch er erkennt, dass das Problem in der immer größer werdenden sozialen Kluft und Ungerechtigkeit liegt. Seine Schlüsse sind es, die hingegen völlig gaga sind: Die Umverteilung fände nicht von unten nach oben statt, behauptet er, sondern von Arbeitern zu Ausländern und Gutmenschen. Als ich ihn daraufhin fragte, wenn dem so sei, wo dann mein monatlicher Scheck bliebe, antwortete er, das System sei zusammengebrochen. Anstatt aber die Schuld bei den Schuldigen, also den Wirtschaftsliberalen zu suchen, wählt man eben jene Wirtschaftsliberalen in den Bundestag, wo sie eine Turbo-Version der Politik vorantreiben, die ihre Wähler erst in Armut gebracht hat, weil, Moslems halt. Ach ja, und irgendwas mit Merkel. Man kann sich scheinbar nicht recht für ein Feindbild entscheiden, sind es jetzt „die da oben“ oder die fiesen Flüchtlinge? Ich wundere mich nach wie vor, wie es so weit kommen kann.

Stellt sich also die Frage: Warum der Stress? Warum sich mit jemandem beschäftigen, zu dem man offensichtlich nicht durchdringt?

Es ist richtig: Ist ein Mensch erst einmal radikalisiert, ist es schwer, mit Argumenten zu ihm zu gelangen. Er wird sich Tatsachen verschließen, die seinem Weltbild widersprechen und aggressiv werden, wenn er feststellt, dass Personen, die ansonsten einen ganz vernünftigen Eindruck machen, andere Standpunkte vertreten. Aber nicht jeder Rechtswähler ist schon gleich ein Nazi oder ein Faschist, Hasskommentare hin oder her. Es ist einfach, zu sagen, dass man mit Idioten keine Diskussionen führen kann. Es ist sehr leicht zu behaupten, dass dumme Menschen für rechte Ideologie leichter empfänglich sind als kluge. Aber damit macht man es sich eben zu einfach. Das ist genau so ein Totschlag-Argument wie jene, von denen die Gegenseite immer behauptet, dass beispielsweise AfD-Wähler sie benutzen, um sich dem Diskurs zu entziehen. Die echten Faschisten und Nazis profitieren jedoch, wenn niemand da ist, der ihnen widerspricht und ihre Rattenfängerei als solche bloßstellt. Demokratie als gesellschaftlicher Konsens funktioniert nur, so lange wir miteinander reden und diskutieren – gerne subversiv, ironisch, erregt oder auch mit Wut im Bauch. Aber sobald wir damit aufhören, wenn die Gräben so tief werden, dass kein Brückenschlag mehr möglich ist und nur noch Beleidigungen ausgetauscht werden, haben wir die Demokratie und unsere Freiheit schon verloren.

Wir müssen wieder miteinander reden. Wir müssen uns austauschen, unsere gemeinsame Basis finden oder zumindest versuchen, den anderen zu verstehen, seine Sorgen und Ängste ernst zu nehmen. Und das, bevor der Gegenüber radikalisiert und nicht mehr gesprächsbereit ist. Vielleicht ist es bereits zu spät dazu. Ich hoffe, dass dem nicht so ist.

 

 

Mars-Kapitel 2 auf Amazon kommt später

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An alle, die auf Amazon den zweiten Teil von „Ein Zimmer auf dem Mars“ vorbestellt hatten – da ist beim Einrichten ein kapitaler Patzer unterlaufen. Das, was ihr unter Umständen heute erhalten habt, war eine fehlerhafte Datei mit einem falschen Text. ARGL!!

Vorläufiges Amazon-Cover. Änderungen Vorbehalten.

Vorläufiges Cover. Änderungen Vorbehalten.

Ich entschuldige mich dafür und behebe das in naher Zukunft. Bis dahin bitte ich euch um Geduld und Verständnis.

Noch n‘ Danny.

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Die Arbeit an einem Roman besteht nicht immer nur aus Schreiben oder Überarbeiten. Manchmal muss ich mich einem Protagonisten auch einfach mal über andere Musen annähren. Jedenfalls ist das besser, als sich an schwachen Tagen gar nicht mit einem Text zu beschäftigen. Auch wenn es streng betrachtet eigentlich quatsch ist.

Also: Das ist Danny. Die gefühlt 567te Version, nachdem ich mit allen anderen mehr oder minder unzufrieden war. Wie auch schon bei Leon gilt: Wer ihn, bzw. das Vorbild erkennt, soll sich freuen. Viel bringen tut’s euch ja nichts.

Danny Kowalczyk, Version 4 (Skizze einer meiner Romanfiguren)

Ein von Ben Hary (@bencalvinhary) gepostetes Foto am

Ein Traum von einem Cover – MX 434 ist JETZT vorbestellbar

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Die schönste Sache, die man auf einem Blog tun kann ist es, lässig und kommentarlos großartige Links rauszubollern als wär’s keine große Sache. In diesem Sinne:

Das großartige Titelbild zu meinem ersten MADDRAX-Roman, das ihr da seht, stammt von Néstor Taylor. Wer den Roman vorbestellen möchte, kann das jetzt mit Klick aufs Bild oder diesen Link gern tun.

He was a skater boy, she said see you later boy

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tatort-WiederhergestelltVon Leon habe ich euch erzählt. Das war der Knabe mit dem Skateboard-Fetisch. Und da ich mir grade meine eigenen Figuren auf eine Weise in den Kopf drücke, die an Besessenheit grenzt, musste auch er mit ein paar hastigen Pinselstrichen portraitiert werden. Voila: Da isser, der Bub.

Ein paar erklärende Worte, denn dem ein oder anderen dürfte es aufgefallen sein: Ich bin sicher nicht der einzige Autor, der beim Schreiben und Plotten bestimmte Schauspieler im Kopf hat, an denen er sich optisch orientiert. Während ich mich bei Cat und Danny jeweils nur seeeehr lose am jeweiligen Vorbild orientiert habe, ist die Vorlage hier recht offensichtlich. Aber keine Visage schreit „selbsterklärter Halbgott im Teenageralter“ in meinen Augen mehr als diese selbstverliebt grinsende Hackfresse da oben. Und bevor ich für diesen Spruch den Zorn ganzer Heerschaaren fünfzehnjähriger Mädels riskiere: Jaja, das ist ein richtig, richtig hübsches Kerlchen, aber er hat halt auch diesen einen, sehr speziellen A*******h-Blick drauf … eben den in diesem Bild. Ihr wisst schon.

Das ist also Leon. Wer ihn erkannt hat: Freu dich! Du kennst jetzt ein Geheimnis. Behalt’s für dich, ja?

Noch ne‘ Skizze für’s Geheimprojekt

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Cat Kowalczyk. Das Mädchen hat Feuer in den Augen.

Cat Kowalczyk. Das Mädchen hat Feuer in den Augen.

Von meinen Methoden, mich an das Innenleben meiner Figuren anzunähren, habe ich an dieser Stelle ja bereits berichtet. Eine davon ist optisch: Ich fertige kleine Portraits/Charakterstudien meiner Charaktere an, die das Wesen dieser Personen einfangen sollen. Normalerweise werte ich damit lediglich meine Charakter Sheets in Scrivener auf, aber ab und an kommt ein Bildchen dabei zustande, das mir selbst so gut gefällt, dass ich es teilen möchte. Bereits letzte Woche lerntet ihr so „Danny“ kennen, einen der vier jugendlichen Protagonisten meines aktuellen Geheimprojektes.

Hier also Portrait Nummer zwei: Cat Kowalczyk, ein zorniges Mädchen mit kurzer Lunte und überbordendem Loyalitätssinn. Zeichnerisch ist das hier natürlich kein Meisterwerk, zumal die Skizze eigentlich nur für den internen Gebrauch gedacht war. Sie entstand innerhalb einer halben Stunde als Schnellschuss, zu 100% in Photoshop mit ein paar schlampigen Pinselstrichen. Der Gesichtsausdruck, finde ich, ist mir dennoch gelungen. Vor allem mag ich diesen Killer-Blick; Cat lässt sich keinen Bullshit gefallen, sie ist direkt und haut auch mal auf den Tisch. Gerne aber auch auf anderer Leute Nasen.

Die Hobbys meiner Kinder, oder: Liebe deine Figuren wie ein Stalker

Lesezeit: 3 Min.

Die Recherche für einen Roman verlangt gelegentlich Verrenkungen von einem Autor, für die er irritierte Blicke von seinen Mitmenschen erntet. So musste ich mir jüngst die Frage gefallen lassen: „Warum guckst du dir in letzter Zeit den ganzen Tag diese Skateboard-Videos auf YouTube an?“
Meine etwas säuerliche Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Warum wohl? Weil ich null Ahnung vom Skaten habe.“

Dabei war die Nachfrage durchaus berechtigt. Skaten ist ein Sport, der mich nicht die Bohne interessiert. Selbst habe ich im Leben etwa vier mal auf einem Skateboard gestanden, und jedes Mal endete die Begegnung mit diesem Sportgerät mit schmerzhaften Stürzen und aufgeschrammten Gelenken. Seither weiß ich: ich bin kein begabter Faller. Man kann sagen, in Sachen Tollpatschigkeit bin ich die Bella Swan unter Science Fiction-Autoren. Das Skateboard und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr.


Das könnte ich sein.

Aber nicht ich bin auch derjenige, der sich durch meine Augen diese Videos anschaut, sondern Leon. Der liebt das Skaten nämlich und weiß alles darüber – zumindest mehr als der Autor, dessen Hirn ihn gezeugt hat. Und da liegt der Hund begraben. Leon ist nämlich eine der Hauptfiguren in meinem kommenden Romanprojekt und er hat Interessen, die mir persönlich relativ am Allerwertesten vorbeigehen. Doch wie sagte Patricia Highsmith einmal: „Meine Figuren zwingen mich, ihre Hobbies auszuüben“ Genau das passiert auch mir gerade. Zum Glück muss ich dafür nicht selbst aufs Skateboard steigen. Ich befürchte nämlich weitere, schmerzhafte Verletzungen, und manchmal wünsche ich mir Leons Körperbeherrschung.

Wer ein guter Autor sein will, quält seine Kinder

dannyneu

I give you: Danny. Bevor einer fragt: Kugelschreiber, Kohle und Photoshop.

Themenrecherche ist aber nur ein Teil der Vorbereitungsarbeit, die in so ein Romanexpo fließen. Darf ich vorstellen: Danny Kowalczyk. Eine weitere Figur aus dem selben Geheimprojekt, in dem auch Leon vorkommt. Und irgendwie sieht man ihm schon an den Augen an: Das ist kein glücklicher Teenager. No Sir!

Als Grafiker, der ich im Grunde meines Herzens immer geblieben bin, ist mein Ansatz sehr oft visuell. Jemanden zu zeichnen ist sozusagen ein intimer Akt und ermöglicht es mir, meine Figuren zu erkennen und mich mit ihnen zu identifizieren. Skizzen wie diese entstehen meist spontan, im gerade passenden Augenblick. Sie hübschen meine Scrivener-Projekte auf und helfen mir bei der späteren Charakterführung. Es macht diese Menschen irgendwie realer für mich, gibt mir das Gefühl, auch mal zu ihnen gehen und sie schütteln zu können, wenn sie sich auf den Seiten meines Textes nicht so verhalten wie ich es mir wünsche. Aber Figuren sind halt ein Stück weit wie Kinder. Sie entwickeln Eigenleben und machen nicht immer das, was sie sollen.

Dieses Level an Immersion in die Welt der von einem selbst geschaffenen Figuren ist wichtig für einen Autor. Bisher kamen stets diejenigen meiner Charaktere bei meinen Lesern am besten an, in die ich selbst beim Schreiben abgöttisch „verliebt“ war. Das waren Typen und Mädels, die ich, fast wie ein Stalker, besser kannte als meine besten Freunde. Über die ich alles wusste: ihre Stärken und ihre Schwächen – und damit auch, wie man sie am effektivsten quält.

Es ist eine Binsenweisheit, dass ein Autor Sadist sein müsse, aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Es gab Momente, in denen ich tränenüberströmt am Rechner saß, weil ich einem meiner Charaktere etwas schlimmes antun oder ihn gar töten musste. Wenn ich eine Figur so richtig in Bedrängnis bringe, mit der ich mich vollkommen identifiziere und an der mein Herz hängt, tut mir das oft mehr weh als dem Charakter selbst. Aber dann weiß ich auch, dass mein Leser mit dieser „Person“ mitfiebern kann. Und, soviel kann ich schon verraten: Der kleine Danny da oben wird mehr einstecken müssen als manch andere von mir erfundene Figur. Sorry, Junge. Du bist im wahrsten Sinne zum Leiden geboren.

Mehr infos zu diesem Geheimprojekt veröffentliche ich an dieser Stelle sporadisch. Ihr dürft also gespannt sein.